Ein 15-Jähriger gegen 35.000 Bienen

Wie ich einen Bienenschwarm mit der Drehleiter eingefangen habe

 

35.000 Bienen. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich schlechten Ausgangssituation für einen 15-Jährigen. Für mich ist diese Zahl allerdings nicht unbedingt beängstigend. Denn ich beschäftige mich schon seit mehreren Jahren mit Bienen und weiß, wie man mit ihnen umgeht.

 

Ich heiße Hagen Weertz, bin 15 Jahre alt und beschäftige mich seit meinem neunten Lebensjahr mit Bienen. Damals habe ich zum ersten Mal durch eine Glasscheibe in einen Bienenstock geschaut. Tausende Bienen waren dort unterwegs. Jede schien irgendeine Aufgabe zu haben, und genau das hat mich fasziniert. Ich wollte verstehen, wie ein Bienenvolk funktioniert.

 

Mit elf Jahren bekam ich mein erstes eigenes Bienenvolk. Heute betreue ich mehrere Völker und bin Mitglied im Bienenzuchtverein Korschenbroich. Außerdem habe ich eine Ausbildung zum Fachberater im Kleingartenwesen abgeschlossen. Bienen sind für mich deshalb schon lange mehr als nur ein Hobby.

 

Besonders spannend wird es, wenn ein Bienenvolk schwärmt. Dabei verlässt die alte Königin mit einem Teil der Arbeiterinnen den Bienenstock. Tausende Bienen machen sich gemeinsam auf den Weg und sammeln sich anschließend häufig irgendwo in der Umgebung zu einer großen Traube.

 

Genau so einen Schwarm habe ich in diesem Jahr an der Schillerstraße entdeckt. Das Problem: Er hing ziemlich hoch. Eine normale Leiter reichte nicht aus. Deshalb musste die Feuerwehr mit einer Drehleiter kommen. Als ich mit der Drehleiter nach oben fuhr, wurde mir erst richtig bewusst, wie groß der Schwarm war. Vor mir hingen Tausende Bienen dicht aneinander. Irgendwo in dieser Traube befand sich die Königin. Und genau auf sie kam es an. Denn beim Einfangen eines Schwarms geht es nicht darum, möglichst viele Bienen einzusammeln. Entscheidend ist, dass die Königin in die Schwarmfangkiste gelangt. Wenn sie dort ist, folgen ihr normalerweise auch die anderen Bienen. Dabei hilft vor allem eines: Ruhe.

 

Ein Bienenschwarm lässt sich schließlich nicht einfach dirigieren. Man kann den Bienen nicht sagen, wo sie hinfliegen sollen. Deshalb muss man genau beobachten und vorsichtig arbeiten. Wenn die Königin in der Schwarmfangkiste ist, sammeln sich nach und nach auch die anderen Bienen dort. Für mich ist gerade dieses Zusammenspiel der Bienen besonders faszinierend. Eine einzelne Biene wirkt vielleicht unscheinbar. Aber 35.000 Bienen bilden gemeinsam ein komplexes Volk. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgaben, sammeln Nahrung, versorgen den Nachwuchs und sorgen dafür, dass das gesamte Volk funktioniert.

Durch meine Beschäftigung mit Bienen habe ich auch gelernt, meine Umgebung anders wahrzunehmen. Eine blühende Pflanze ist für mich nicht mehr einfach nur eine Pflanze. Ich denke darüber nach, welche Bedeutung sie für Bienen und andere Insekten haben könnte. Auch ein Garten, in dem scheinbar nicht viel passiert, kann für Tiere eine wichtige Rolle spielen. Natürlich werde ich bei der Arbeit mit den Bienen auch gestochen. Das gehört dazu. Trotzdem sollte man Respekt nicht mit Angst verwechseln. Wenn man die Tiere versteht und sich entsprechend verhält, kann man erstaunlich viel mit ihnen machen.

Der Titel „Ein 15-Jähriger gegen 35.000 Bienen“ klingt deshalb vielleicht etwas dramatischer, als es wirklich ist. Denn eigentlich kämpfe ich nicht gegen 35.000 Bienen. Ich versuche, sie zu verstehen. Mit neun Jahren habe ich sie noch durch eine Glasscheibe beobachtet. Heute stehe ich manchmal auf einer Drehleiter mitten unter ihnen.

 

Die Glasscheibe ist verschwunden. Die Neugier ist geblieben.

 

Hagen Weertz, 2026